Märchenhaft

Wenn ich meine Adresse angeben muss, sei es auf einem Amt, einer Bank, einem Lieferanten oder einem neuen Bekannten, versetze ich den Angesprochenen für einen winzigen Moment in seine Kindheit, und selbst ein ganz seriöser Mensch schaut ein wenig verträumt.

Ich wohne nämlich im Froschkönigweg.

Es muss ein sympathischer Mensch in der Hamburger Baubehörde gewesen sein, der 1950 auf die Idee kam, die schmalen Wege der Siedlung am Holstenhof (so hieß die Siedlung anfangs) mit Märchennamen zu verschönern.

Der südliche Teil der Siedlung, heute etwa zwischen Zwergfalkenweg und Sterntalerstraße, war bereits 1940 als Kleingartengelände eingerichtet worden und dann ziemlich bald von den ausgebombten Kleingärtnern als Behelfsheimunterkunft bezogen worden.
Mein Vater hatte dort 1949 einen kleinen Rohbau erworben. Die Besitzerin hatte einen englischen Soldaten kennengelernt und wollte mit ihm nach England gehen.
Unsere Nachbarn waren Ausgebombte, Flüchtlinge und Familien, die hier auf der Suche nach einer neuen Existenz hängengeblieben waren.

Anfangs gab es weder Wasser noch Strom in den „Hütten“ oder „Buden“.
Mit organisierter Gemeinschaftsarbeit wurden Wasserleitungen verlegt und Stromkabel gezogen. Es gab nur schlechtes Material zu kaufen. In den entfernteren Behausungen kamen nur noch geringer Wasserdruck und maximal180 Volt an.
Da es nur nahe der Hauptstraße eine Wasseruhr bei Familie Frese und einen Stromzähler in einem provisorischen Kasten gab, mussten die Kosten nach Personen umgelegt werden. Das gab auch mal Streit, wie man sich denken kann. Die Wege waren unbefestigt und bei starkem Regen konnte man die nächste geteerte Straße (den Schiffbeker Weg) nur mit Gummistiefeln erreichen.

Zur Schule mussten wir den für uns Kinder weiten Weg zum Holstenhof gehen. Unsere Schule, ein dunkelrotes Klinkergebäude, gehört heute zum Gelände des Alten- und Pflegeheims Holstenhof und dient, so weit ich weiß, inzwischen der Ausbildung von Altenpflegern.

Die Autobahn existierte zwar schon, es standen aber Militärlaster und Panzer darauf und wir durften sie bei Strafe nicht betreten. Sie gehörte den englischen Soldaten, die in der Douaumontkaserne – der heutigen Helmut-Schmidt- Universität stationiert waren. Um in unsere Schule zu kommen, gingen wir durch den kleinen Tunnel am Aladinweg. Wenn es geregnet hatte, stand darin das Wasser und wir mussten Schuhe und Strümpfe in der Schule trocknen.
Der nördliche Teil der Siedlung wurde 1950 von der Nordwestdeutschen Siedlungsgesellschaft mit Doppelhäusern mit angegliederten Ställen bebaut. Man hatte sich wohl vorgestellt, dass die Flüchtlinge, die hier siedeln sollten, ein paar Schweine und Hühner halten würden.

Manche taten das auch. Aber viele bauten sich bald in ihren Stall ein richtiges Badezimmer ein, denn das hatte die Siedlungsgesellschaft nicht vorgesehen. Es war ja auch noch keine Kanalisation da. Man musste wohl oder übel sein Land mit Naturdünger bearbeiten…

Auf der anderen Seite des Schiffbeker Wegs, wo nun auch schon seit ca. 35 Jahren die Dringsheide mit ihren Hochhäusern steht, hatte ein Bauer seine Felder und wir konnten im Herbst dort unsere Drachen steigen lassen.

Die Erinnerungen an diese Pionierzeit lassen auch bei mir wieder ein ganz kleines verzaubertes Lächeln entstehen. Denn ich freue mich, hier in dieser märchenhaften Umgebung wohnen zu können. Viele meiner alten Schulkameraden sind auch noch hier und so ist die „Märchensiedlung am Holstenhof“ und die „Siedlung am Schiffbeker Moor“ für viele Menschen eine Heimat geworden, die sie nie wieder verlassen möchten.

Anmerkung: Beide Siedlungen sind heute noch eingetragene Vereine mit regem geselligem Leben für Jung und Alt.

  1. Rainer Wrobel

    Wir sind 1949 in die Legienstraße gezogen. Ich war 4 Jahre alt. Im Schiffbeker Moor haben wir später gebadet und im Winter liefen wir Schlittschuh. Den Bauern kenne ich noch. Der hieß Müller und seine Tochter wohnte mit ihrer Familie im letzten Einzelhaus vor dem Sportplatz Hamburger Turnerschaft. Eingeschult wurde ich noch in der alten Schule in der Billstedter Hauptstraße, bis 1952 die Schule Steinadlerweg eingeweiht wurde und ich dort bis 1960 zur Schule ging.

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